Grundlegende Runen-Rituale

Weißt du zu ritzen? Weißt du zu raten? Weißt du zu färben? Weißt du zu fragen?

Jede Rune hat Namen, Form und Klang – oder Bedeutung, Struktur und Schwingung. Runenrituale umfassen am besten alle drei Elemente, z.B. indem wir eine Rune auch singen, wenn wir sie einritzen, oder uns umgekehrt beim Singen der Runen ihre Formen vorstellen. Wenn wir die Runenformen kennen und jederzeit visualisieren können, ist daher der Runengesang (Rúnagaldr) das grundlegende Ritual, das alle Elemente der Runen anspricht.

Da die Runen ihre Kräfte in sich tragen und unabhängig vom Wissen über sie wirken, sind profunde Kenntnisse keine Voraussetzung für Runenrituale. Auch völlige Neulinge können durch Runengesang, Runenmeditation, Runenhaltungen (Stöður) und dem Ritzen, Zeichnen oder Malen von Runen Erfahrungen mit ihren Kräften sammeln – sie werden am Anfang zwar bescheiden ausfallen, aber mit jedem Mal wachsen.

Der Runengesang (Rúnagaldr) 

Spruch- und Gesangszauber (galdr) ist die magische Disziplin der Asen und damit die am engsten mit dem Gott der Runen, Odin, verbundene Form der Magie. Grundsätzlich gibt es zwei Arten des Runengesangs: Man kann die Namen oder die Laute der Runen singen. Beides, Namen und Laute, werden mit lang anhaltendem bzw. in der Länge variierendem Ton gesungen. Tonhöhe und Variationen unterliegen der Inspiration der Sänger.

Singen der Runenlaute

Die Laute allein sind nur ein Teil des Runenklangs (in der Regel der Anlaut, in Ausnahmen wie Algiz und Ingwaz der Ablaut bzw. Inlaut), sodass ein Lautgesang immer auch mit einem Singen der Runennamen verbunden sein soll. Edred Thorsson schlägt z.B. für die Rune Ansuz vor:

ansuz ansuz ansuz

aaaaaaaa

aaaassss

aaaa

aaaaaaaa


Singen der Runennamen 

Das ist die geeignete Form für einen Runengesang im Rahmen eines Blot, für die Anrufung mehrerer Runenkräfte oder zum Singen der ganzen Runenreihe, während sich das Singen der Runenlaute am besten für Runenmeditationen und die Arbeit mit einer einzelnen Rune eignet. Am besten ist es, jede Rune dreimal zu singen. Bei der ganzen Runenreihe erfordert das eine relativ lang anhaltende Konzentration, die eine gewisse Erfahrung mit Runen voraussetzt. Im allgemeinen wird die altgermanische Runenreihe (älteres Futhark) mit 24 Runen verwendet, die traditionell in drei Geschlechter (Ættir) eingeteilt werden.

Magie der Runen

Ein wenig Magie in dieser vernünftigen rationalen Zeit schadet nicht, wenn sie mit guten Vorsätzen und Wünschen ausgeführt wird. Sie ist kein Allheilmittel, kann aber den Alltag bereichern und uns durch Konzentration auf unsere Probleme dazu verhelfen, klarer zu sehen. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle ob es sich um Runen- oder Kerzenrituale,Horoskope oder Voodoo -Energie handelt. Wichtig scheint allein der Glaube an die Kraft einer mit Liebe und Bewusstheit ausgeführten Handlung zu sein.

Runenmagie wird im Allgemeinen eine heilende und stärkende Kraft zugesprochen. Sie wird hauptsächlich in unterstützender Form angewendet.

Nur ein sehr erfahrener Runenheiler, der zudem über gute botanische wie medizinische Kenntnisse verfügt, sollte Runen als Hauptheilverfahren einsetzen. Als Anfänger mag es genügen, sich möglichst konzentriert und bewusst auf das gewünschtes Ritual vorzubereiten und sich im Vorfeld so intensiv wie möglich damit zu beschäftigen. So wird man als Neuling mit Sicherheit nicht die gesamte Kraft der Rune nutzen können, ist jedoch vor eventuell freiwerdenden negativen Kräften geschützt.

Jede einzelne Rune besitzt mehrere Entsprechungen und kann vielseitig verwendet werden. Auch Körperhaltung und Handstellung spielen beim Ritual eine Rolle. Sie können die Wirksamkeit erhöhen.

Um eine besonders konzentrierte Wirkung der Runen zu erhalten, besteht auch die Möglichkeit, sich einer sogenannten Binderune zu bedienen. Sie besteht aus mehreren, übereinander gesetzten Einzelzeichen und kann z.b. als Amulett getragen werden. Mit Hilfe der Runenenergie ist es außerdem möglich, sich vor schlechten Einflüssen zu schützen. Man kann zur Unterstützung eines der zugeordneten „Fylgia“, d.h. Helfertiere hinzu bitten, die einem in Verbindung mit der gewählten Rune hilfreich zur Seite stehen können.

Runenhaltungen (Stöður)

Das Darstellen der Runenformen durch Körperhaltungen – im Stehen, daher stöður, Einzahl staða – wurde in der heute gebräuchlichen Art erst von neuzeitlichen Runenmeistern ausgearbeitet, es gibt aber Darstellungen, die dieses Ritual auch für die historische Zeit belegen könnten, z.B. ein isländisches Odinsamulett (Odin auf Sleipnir), auf dem der Gott die Arme in Form der Algiz-Rune (im nordischen Futhark: maðr-Rune) ausgebreitet hat.

Diese Algiz-Haltung ist auch außerhalb reiner Runenrituale für Anrufungen und zum Aufnahmen von Kräften gebräuchlich. Darstellungen aller Runen-stöður findest du in Edred Thorsson’s „Handbuch der Runen-Magie“ und in „Helrunar“ von Jan Fries. Daneben ist es auch möglich, die Runen nur mit den Fingern darzustellen, z.B. Algiz durch Spreizen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Solche Runen-Griffe zeigt Jan Fries in seinem Buch.

Runenmeditation (Útiseta)

Das nordische Wort útiseta bezeichnet nicht nur Runenmeditationen, sondern jede Art des „Draußensitzens“, d.h. der germanischen Art der Meditation in der freien Natur. Dabei sucht man nicht die Einsamkeit, sondern das Alleinsein mit der Natur und ihren Pflanzen, Tieren und Geistern. Denn das Göttliche ist zwar auch in uns, aber wir finden es niemals allein in uns selbst, sondern nur in Wechselwirkung mit dem Göttlichen um uns.

Wie die germanische (und keltische) Meditation keine einsame Nabelbeschau ist, so wird bei ihr auch nicht der Geist bloß ruhiggestellt und „geleert“, sondern die Ruhe – besser: Ausgeglichenheit – ist nur das Mittel zu einem aktiven Prozess, bei dem der Geist willentlich auf sein Ziel gelenkt wird – in unserem Fall auf die Runen.

Dazu konzentriert man sich auf die Form, den Klang und die Bedeutung der Rune, über die man meditieren will, d.h. man visualisiert diese Rune oder betrachtet sie auf einem Bild oder einem Holz, in das man sie geritzt hat, singt sie und macht sich ohne direktes linear-logisches Nachdenken ihre Bedeutung bewusst, die sich mit etwas Übung spontan über den Namen selbst erschließt. Die Runennamen sind schon in einfachster Übersetzung sehr aussagekräftig und entfalten, auch wenn bewusst nicht viel „hochzukommen“ scheint, im tiefen Bewusstsein eine große Wirkung.

Bei der Runenmeditation ist der Geist offen und verletzlich. Sie erfordert daher ein Schutzritual (z.B. das Hammerritual) und eine abschließende Erdung. Am Anfang sollte man nur kurz meditieren, mit der Erfahrung kann man die Dauer auf einige Minuten steigern.

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